Lesepredigt Rogate 2020

17. Mai 2020

Predigt zu Matthäus 6,5-15 Pfr. 

Dr. Roland Liebenberg


Ein Mensch, ein Christ werden


Vom Beten

Der Predigttext für den heutigen Sonntag Rogate ist dem sechsten Kapitel des Matthäusevangeliums entnommen:
Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden. Denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten: Vater unser im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Versuchungen vergebt, so wird euch euer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Der Sonntag Rogate

Der heutige Sonntag Rogate (deutsch: Betet!) knüpft mit seinem lateinischen Namen an die frühmittelalterliche Tradition der Bittprozessionen an. Sie wurden in den Tagen vor Christi Himmelfahrt durchgeführt und verdrängten die heidnischen Flurprozessionen. Die Gemeinden wurden an diesen Tagen aufgefordert, sich während der Prozession mit ihren Gebetsbitten an Gott zu wenden.
Es wurde für die Früchte der Erde, das menschliche Schaffen und mannigfache menschliche Anliegen gebetet. In der katholischen Grundordnung des Kirchenjahres haben die Bitttage bis heute ihren Ort in der Zeit vor Christi Himmelfahrt. In der evangelischen Ordnung wird diese Tradition am Sonntag vor Christi Himmelfahrt aufgenommen. Sein Thema ist das Gebet.

Angemessen beten

Mit diesem Thema begeben wir uns ins Zentrum unseres Glaubens. Im Gebet geht es um unsere Beziehung zu Gott. Deshalb greift Jesus in der im Matthäusevangelium geschilderten Bergpredigt dieses Thema auf. In diesem Zusammenhang lehrt er den Menschen das Vaterunser als eine für ihn angemessene Form des Gesprächs mit Gott.
Doch macht das Vaterunser hier nur einen Teil seiner Rede zum Gebet aus. Mindestens genauso wichtig wie das Vaterunser als Beispiel für ein angemessenes Gespräch mit Gott ist bei Matthäus die Rahmenerzählung. In ihr grenzt sich Jesus von Formen des Gebets ab, mit der sich der oder die Beter*in zur Schau stellt. Mit der die Frömmler demonstrieren wollen, was für tolle Juden oder Christen sie sind.
Als ich den Predigttext las, erinnerte ich mich an den „Nationalen Gebetstag“, den der amerikanische Präsident Trump am 15. März ausrufen ließ. Es sollte für alle von der Pandemie betroffenen Menschen im Land gebetet werden. Doch ging es dabei nur vordergründig um die am Corona-Virus erkrankten Menschen. Im Mittelpunkt des Gebetstages stand die Corona-Strategie der amerikanischen Regierung und die Frömmigkeit des amerikanischen Präsidenten.
Entsprechend medienwirksam trat Trump mit der evangelikalen Predigerin Paula White im Fernsehen zum öffentlichen Gebet auf. White gehört seit 2019 Trumps Regierung als Beraterin an. Sie organisiert die „Glaubensinitiative“ des Präsidenten, mit der Wähler*innen für die anstehende Präsidentschaftswahl gewonnen werden sollen. Diese verlogene Form des Gebets greift Jesus in der Bergpredigt scharf an: „Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.“ Will sagen: Ein Gespräch mit Gott haben diese Heuchler nicht geführt.
Im Gebet vertraue ich mich ganz der Liebe und Barmherzigkeit Gottes an. Dazu braucht es keine öffentlichen Auftritte. Und es braucht nicht viele Worte, die oft zum Geplapper werden. Von unserer Seite braucht es im Grunde nichts. Was es braucht, ist die gnädige Zuwendung Gottes. Und genau die sagt uns Jesus in der Bergpredigt zu: Unser Vater im Himmel weiß, was wir benötigen, bevor wir ihn bitten. Wenn wir aufrichtig das Gespräch ohne Eigeninteresse suchen, wenn wir unser Leben nicht nach unserem, sondern nach dem Willen Gottes ausrichten wollen, dann wird es uns unser Vater im Himmel „vergelten“. Dann werden wir im Glauben erfahren: Gott ist uns nah und wird uns mit seinem Geist beistehen. Unser Vater im Himmel wird uns helfen, seiner Liebe zu allen Geschöpfen in unserem Leben Geltung zu verschaffen.

Diesseitigkeit des Lebens

Das ist eine weitere Botschaft, die ich der Rahmenerzählung entnehme: Unser Gebet und unser alltägliches Miteinander gehören zusammen. Wenn wir Gott bitten, uns unsere Verfehlungen zu vergeben, dann gilt auch für uns: Vergebt auch ihr euren Mitmenschen ihre Verfehlungen! Seid ihr dazu nicht bereit, dann ist euer Gebet nutzlos: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Mit diesen Worten beendet Jesus seine Ausführungen zum Gebet in der Bergpredigt.
Unser Gebet hat praktische Folgen. Wie wir uns im Gebet unserem Vater im Himmel ganz in die Arme werfen, so sollten wir auch unser Leben gestalten. Dietrich Bonhoeffer redete hier von der „Diesseitigkeit des Lebens“. In einem Brief, den er zwei Tage nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in seiner Berliner Zelle schrieb, erinnerte er sich an ein Gespräch, das er in Amerika mit einem jungen französischen Pfarrer führte:
„Wir hatten uns […] die Frage gestellt, was wir von unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (– und ich halte für möglich, daß er es geworden ist –); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. […] Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen […], dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube […] und so wird man ein Mensch, ein Christ.“
Das rechte Gebet, das in dieser Welt gelebt sein will, hilft uns Mensch, hilft uns Christ und Christin zu werden. Dieses Gebet wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen und verabschiede mich mit den Schlussworten aus Bonhoeffers Brief:


„Leb wohl, bleibe gesund und laß die Hoffnung nicht sinken!“