Lesepredigt 11. Sonntag nach Trinitatis

23. August 2020
Predigt zu Lk 18,10-13
Dr. Roland Liebenberg


Frei und einzigartig


Der Pharisäer und der Zöllner

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 18. Kapitel des Lukasevangeliums. Jesus sagte dies Gleichnis:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Hat der Phärisäer nicht recht?

Ist es Ihnen aufgefallen? Ich habe zwei Verse weggelassen. Sie rahmen das Gleichnis ein. Nehme ich sie hinzu, dann ist die Botschaft eindeutig. Der hochmütige Pharisäer, der sich anmaßt, fromm zu sein, wird verurteilt. Der demütige Zöllner, der seine Sünden bekennt, wird von Gott angenommen. Aber ist diese Deutung gegenüber dem Pharisäer gerecht? Hat er nicht recht, wenn er nichts mit Räubern, Betrügern, Ehebrechern und korrupten Beamten zu tun haben will?
Der Pharisäer nimmt die 10 Gebote ernst. Er stiehlt nicht. Er lügt nicht. Er ist kein Ehebrecher. Er begehrt nicht den Besitz seines Nächsten. Er fastet in der Fastenzeit und spendet den zehnten Teil seiner Einkünfte für die sozial Schwächeren. Was ist daran auszusetzen?

Machen wir es uns nicht zu leicht?

Und machen wir es uns umgekehrt mit dem Zöllner nicht zu leicht? Der korrupte Beamte schlägt sich demütig auf die Brust, zitiert einen Vers aus dem Bußpsalm 51 und schon ist er gerechtfertigt und wird von Gott angenommen. Sofern wir das Vorbereitungsgebet am Beginn des Gottesdienstes beten, bekennen auch wir mit dem Zöllner unsere Sünden. Und wie bei ihm spricht Gott uns von ihnen frei. Und dann, was machen wir dann? Fragen Sie sich selbst: Welche Konsequenzen hat die Vergebung der Sünden für ihr alltägliches Leben?
Im Gleichnis bleibt diese Frage unbeantwortet. Der Zöllner ist sich seines betrügerischen Fehlverhaltens bewusst und bereut seine Taten. Doch wird er sie in Zukunft unterlassen, vielleicht sogar seinen Beruf deswegen aufgeben? Das bleibt offen. Wichtig ist dem Evangelisten Lukas, dass ihm vergeben wird, weil er demütig seine Sünden bekennt.

Bonhoeffers Ruf nach der „teuren Gnade“

Passt auf, ruft uns hier Dietrich Bonhoeffer zu, dass ihr aus der Gnade Gottes keine „billige Gnade“ macht! 1937 veröffentlichte Bonhoeffer sein Buch „Nachfolge“. In diesem Buch unterscheidet er zwischen einer billigen und einer teuren Gnade. Was meint er mit billiger und teurer Gnade?
Zunächst einmal hält auch er mit Luther fest, dass die Gnade nicht mit Geld oder guten Werken erkauft werden kann. Sie ist ein Geschenk Gottes. Ganz so, wie es in unserem Gleichnis am Beispiel des Zöllners erzählt wird. Billig oder teuer wird die Gnade bei Bonhoeffer in Bezug auf unser Handeln als Glaubende. Billig ist für ihn eine Gnade, wenn sie großzügig verteilt wird, ohne in die Nachfolge zu rufen. Billig ist für ihn eine Gnade, wenn sie keine Kraft der Veränderung zur Folge hat. Bonhoeffer war unzufrieden mit seiner, der lutherischen Kirche. Ihr warf er vor, die billige Gnade wie einen Restposten, wie Schleuderware auf einem großen Verkaufstisch zu verramschen. Billige Gnade ist eine Gnade ohne Folgen.
Bonhoeffer ermahnt uns: Gebt euch nicht zufrieden mit der billigen Gnade! Gnade ohne den Ruf in die Nachfolge, ohne die Aufforderung „Folge mir  nach!“ hat nichts mit Jesus, nichts dem Kreuz oder der Auferstehung zu tun! Wer meint, dass uns Gottes Barmherzigkeit vom Gehorsam freistellt, dass auf die Gnade kein Handeln folgen muss, hat Luthers Rechtfertigungslehre vollkommen missverstanden. Zur Rechtfertigung, zur Annahme des Sünders durch Gott allein gehört die Nachfolge. Sie ist ein göttliches Gebot an alle. Für Luther gehörten Gnade und Nachfolge zusammen. Das hat die lutherische Kirche nach Bonhoeffer unterschlagen. Dadurch wurde „aus der Rechtfertigung des Sünders in der Welt …, die Rechtfertigung der Sünde und der Welt. Aus der teuren Gnade wurde die billige Gnade ohne Nachfolge“.

Das Gebet des Pharisäers

Der Pharisäer aus unserem Gleichnis wäre ein gutes Beispiel für Bonhoeffers Anliegen. Er repräsentiert die teure Gnade. Der Pharisäer glaubt an die Gnade Gottes und handelt danach. Beides gehört für ihn zusammen. Das betont er in seinem Gebet: „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen.“ Das hört sich arrogant und hochmütig an. Doch dem ist nicht so, liebe Gemeinde. Das denken oder sagen wir doch auch. Etwa bei  Menschen, die sorglos Partys feiern und die Corona-Infektionszahlen in die Höhe schnellen lassen; oder bei AfDlern und Pegida- Leuten, die unsere  Demokratie ablehnen; oder bei Verschwörungsfantasten, die nicht an die Corona-Pandemie glauben; oder bei Brexit-Befürwortern, die sich nach dem
untergegangenen Empire sehnen. Ich bin mir sicher, Sie könnten noch weitere Beispiele nennen. Bespiele, bei denen auch Sie denken oder sagen:  „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen.“ Ich halte das nicht für arrogant und hochmütig. Im Gegenteil, wer das denkt oder sagt, weiß die Freiheit und Einzigartigkeit des Menschen zu schätzen. Wir sind freie Christenmenschen. Wir haben die Freiheit, das Richtige zu tun. Das heißt: Wir sind so frei, das Doppelgebot der Liebe ernst zu nehmen. Wir sind so frei, es umzusetzen in unserem alltäglichen Miteinander. Und darin unterscheiden wir uns von Menschen, die nur an sich selbst und ihren eigenen Spaß oder Vorteil denken. Denen das Wohl der anderen scheißegal ist. Der Pharisäer dankt in seinem Gebet für die Freiheit, das Richtige tun zu können. Und er weiß, dass er sich dadurch von vielen  anderen unterscheidet. Deshalb dankt er auch dafür, dass Gott ihn zu einem einzigartigen Menschen schuf. Wir alle sind einzigartige Menschen. Uns gibt es, so wie Gott uns geschaffen hat, nur einmal. Das ist kein Grund sich über andere zu erheben. Denn die anderen sind ja auch einzigartig. Wie langweilig wäre die Welt, wenn wir so wären wie die anderen! Jede und jeder von ist ein einzigartiges Geschöpf Gottes. Wir alle haben unsere je eigenen Gaben, der Liebe Gottes in unserem Leben Raum zu verschaffen. Dafür dankt der Pharisäer in seinem Gebet: „Ich danke dir, Gott und Herr der Welt, dass du mich einzigartig geschaffen hast.“

Zöllner und Pharisäer

Ich denke Sie sehen jetzt wie ich den Pharisäer mit anderen Augen. Er ist jetzt nicht mehr das negative Zerrbild des Zöllners. Er ist mindestens genauso wichtig. Der Zöllner und der Pharisäer gehören zusammen. Steht der Zöllner mit seinem Gebet für die unverdiente Gnade Gottes, die wir demütig von Gott empfangen, fordert uns der Pharisäer in seinem Gebet dazu auf, dieser empfangenen Gnade im alltäglichen Leben zu entsprechen.
Denn Gottes Gnade ist eine teure Gnade. Sie ist ein kostbares Geschenk. Sie führt uns in die Freiheit, das Richtige zu tun. Und sie zeigt uns, wie einzigartig jede und jeder von uns ist. Dafür Gott im Gebet zu danken und zu loben ist alles andere als arrogant und hochmütig. Es ist die  angemessene Antwort auf Gottes Geschenk der teuren Gnade:

Ich danke dir und lobe dich, Gott und Herr der Welt,
dass du mich einzigartig geschaffen hast und ich nicht so bin wie die anderen.